internationaler Jugendaustausch 2017 auf Gozo/Malta

Vom 22. bis zum 29. Mai 2017 fand die Fortsetzung des von der Europäischen Union im Rahmen des Erasmus+ geförderten Programmes für einen internationalen Jugendaustausch für Menschen mit Behinderungen statt. Dieses Mal auf Gozo, der kleinen grünen Nachbarinsel von Malta.

Hier sehen Sie einen Videoclip, den unsere Freunde von der Down Syndrome Association Malta erstellt haben. https://www.youtube.com/watch?v=IICxqEPEuz8&t=14s

 

The Youth Exchange EUPA Project 2017 „Building Relationships and Learning Together“

Seit 2015 arbeitet der Christopherus-Haus e.V. auf europäischer Ebene mit der Down Syndrome Association aus Malta und der Lyhty-Organisation aus Helsinki zusammen, um Menschen mit Assistenzbedarf einen internationalen Austausch zu ermöglichen.
Mit Unterstützung der EU durch das Erasmus+ Programm fand im Jahre 2016 die erste Begegnung in Deutschland bei uns im Christopherus-Haus statt (das BLATT berichtete darüber!). Es ging damals um Chancengleichheit am Arbeitsplatz, Toleranz und soziale Inklusion, Möglichkeiten des selbstbestimmten Lebens und Wohnens in den jeweiligen Ländern sowie die Teilhabe am kulturellen gesellschaftlichen Leben für Menschen mit Assistenzbedarf. Weiteres Ziel war auch ein Austausch darüber, ob sich in den Ländern seit Inkrafttreten der UN- Behindertenrechtskonvention etwas zum Positiven hin verändert hat. Hier sehen Sie einen Videoclip zu den Ereignissen dieser Woche. https://www.youtube.com/watch?v=8qy5_cyp4vI
Der überwältigende Erfolg dieser Woche und der große Wunsch der Teilnehmer nach einer Fortführung des Programms führte dazu, dass wir sofort Gelder für ein weiteres EU-Projekt beantragten und schließlich die Genehmigung für The Youth Exchange EUPA Project 2017 „Building Relationships and Learning Together“ auf der Insel Gozo, die zu Malta gehört, erhielten. Diesmal organisierten die Freunde aus der Down Syndrome Association Malta ein umfangreiches Tagungsprogramm.
Die deutsche Delegation bestand aus 7 Teilnehmern, die alle im Christopherus-Haus wohnen oder arbeiten und 4 Begleitern. Die Reise fand vom 22.5. 2017 bis zum 29.05.2017 statt.
Früh um 7.30 Uhr starteten wir am Düsseldorfer Flughafen und schon der Flug über die schneebedeckten Alpen und das blaue Mittelmeer war ein Erlebnis. Malta liegt weit südlich auf der Höhe von Nordafrika und entsprechend warm war es da bereits im Mai. Wir brauchten die ganze Woche über keine Jacke und schon gar keinen Regenschirm. Auf Malta gibt es so wenig Wasser, dass die Menschen um Regen beten und dass das Wasser in Tankschiffen vom italienischen Festland auf die Insel transportiert werden muss.
Am Flughafen Malta wurden wir mit großem Hallo von den Freunden der Down Syndrome Association empfangen und wenige Minuten nach uns landete die finnische Delegation. Die Wiedersehensfreude war sehr groß, denn so richtig geglaubt hatte niemand, dass wir dies tatsächlich schaffen würden. Und nun standen wir alle wieder zusammen, in dem Bewusstsein, dass wir eine ganze Woche miteinander verbringen und erleben dürfen.
Von Malta aus ging es mit dem Bus und dem Schiff auf die Insel Gozo, Maltas kleine Schwester. Als Unterkunft diente uns das Stella Maris Haus in Zebbug, welches einem Missionsorden gehört. Die dort lebenden Patres Father Norbert und Father Joe versorgten uns aufs Beste mit maltesischer Küche, dabei wurden sie von Frauen aus dem Dorf unterstützt. Das Haus lag auf einer Anhöhe über dem Meer und man hatte einen herrlichen Blick auf die Bucht von Marsalforn und bei Nacht konnte man von der Dachterrasse aus die Lichter von Sizilien blinken sehen.
In dieser Woche sollten die Teilnehmer die kulturellen Besonderheiten Gozos kennenlernen und dadurch zum Nachdenken bzgl. ähnlicher und unterschiedlicher kultureller Aspekte ihrer Herkunftsländer angeregt werden. Sie wurden ermutigt, ihre Meinungen zu diskutieren und zu äußern. Jeder Gedanke, jeder Eindruck war wichtig.
Das Tagungsprogramm verlangten uns einiges ab, so vielfältig und anstrengend verliefen die Aktivitäten vor Ort. Wir lernten die Besonderheiten der gozitanischen Landwirtschaft kennen, besichtigten auch die Zitadella von Victoria, den über 5000 Jahre alten Ggantija Tempel in Xaghra sowie das Handwerkerdorf Ta ‚Dbiegi Craft Village in Gharb. Darüber hinaus sahen wir eine unterirdische Getreidemühle, ein Klöppelmuseum und eine Fabrik, in der landwirtschaftliche Produkte aus Gozo verarbeitet werden. Die EU hat in den letzten Jahren sehr viel Geld in die Bauwerke auf Gozo investiert, um diese zu sanieren und das kulturelle Erbe der Insel für die nachfolgenden Generationen zu erhalten. Es wird für wichtig erachtet, dass auch Menschen mit Assistenzbedarf verstehen, was die EU tut, um das Leben der Bürger in der EU zu verbessern.
Wir sahen gozitanischen Kunsthandwerkern bei der Arbeit zu und durften in einem Workshop selbst versuchen, auf traditionelle Art Spitze zu klöppeln. Mit einer einheimischen Folkloregruppe tanzten wir Volkstänze und der örtliche Rettungsdienst übte mit uns das Abseilen vom Berg. Natürlich fuhren wir viel mit dem Bus über die Insel, lernten die landschaftlichen Besonderheiten kennen, die Strände mit dem roten Sand, die Salzgewinnungsanlagen, die überwältigenden Ausblicke auf das zutiefst blaue Mittelmeer, die schroffen Felsen, die teilweise karge Landschaft, Pflanzen, die man bei uns nicht sieht und wir waren ständig von einer den Körper warm umschmeichelnden Luft umgeben.
An einem Tag besuchte uns Frau Justyne Caruana, eine parlamentarische Staatssekretärin der Regierung von Malta, die u.a. für die Belange für Menschen mit Assistenzbedarf zuständig ist. Die Teilnehmer bekamen die Gelegenheit, mitzuteilen, was aus ihrer Sicht noch dringend für ihre Belange und Bedürfnisse getan werden muss. Frau Caruana erklärte in ihrer Ansprache, dass es auch wichtig für die Abgeordneten ist, sich direkt mit den Beteiligten zu treffen, weil die Politiker erst durch solche Begegnungen die Bedürfnisse der Menschen, für die sie verantwortlich sind, wirklich verstehen.
Neben aller Anstrengung kamen auch Entspannung und Vergnügen nicht zu kurz. Dazu gehörten die Zusammenkünfte und Gespräche auf der Dachterrasse unserer Unterkunft, von der man einen wunderbaren Blick auf das Meer hatte. Im Ort gab es eine kleine Bar, in der wir mehrfach abends ein/oder mehrere Gläschen des herrlichen maltesischen Rotweins genossen haben. Wir sind Pizza essen gegangen, in der Hauptstadt Victoria durch die historische Altstadt gebummelt und haben an der Bucht von Xghara Cappuccino oder Kinnie (eine maltesische Limonade) getrunken. Wir durften am Sonntag eine maltesische Messe miterleben, die Father Joe speziell für uns gehalten hat und zwei Mal sind wir an den Strand gefahren, um zu baden. Hier wurden die kulturellen Unterschiede der Länder besonders deutlich. Wir Deutschen probierten erst mit den Füßen, ob das Wasser auch warm genug ist und gingen dann vorsichtig hinein, während die Finnen in die nassen Fluten stürmten, ohne die Temperatur zu testen. Die Maltester betrachteten das Treiben mit entsetzten Gesichtern, meinten, dass kein Einheimischer vor August im Meer baden geht und zogen sich dann unter die Markise des Strandcafés zurück.
In der abschließenden, für das Projekt sehr wichtigen, Evaluationssitzung äußerten die Teilnehmer große Zufriedenheit. Sie stellten fest, dass sie viel gelernt und interkulturelle Kompetenzen erworben haben. Sie konnten ihre Grenzen mutig erweitern, neue Handlungsoptionen erfahren und sich damit selbst von einer neuen Seite kennenlernen. Besonderen Wert hatte für die Teilnehmer die Begegnung mit den Teilnehmern aus den anderen Ländern und das gelebte Miteinander. Die unterschiedlichen Sprachen stellten für unsere Teilnehmer kein Problem dar. Es war auch ein Bewusstsein über die Bedeutung der Europäischen Union und ihre übergeordneten europäischen Aufgaben und Ziele entstanden.
Den letzten Abend verbrachten wir in einem Restaurant in feierlich-festlicher Atmosphäre und wir versprachen uns, alles dafür zu tun, dass dieses Projekt weitergeführt wird. Geplant ist für 2018 eine Reise nach Finnland. Unsere finnischen Kollegen arbeiten mit Hochdruck an der Beantragung der Fördergelder.

Margit Artmann
(Lehrerin an der Christopherus-Schule Dortmund und Vorstand des Christopherus-Haus e.V.)